21.04.2019 Ortler Zebru Königspitze die Zweite:

Schon zum zweiten mal heuer, versuche ich nun diese Traverse mit Martin Sieberer. Natürlich ist es im Winter bzw. bei winterlichen Bedingungen im Frühjahr um einiges schwieriger, aber genau das wollten wir. Beim ersten Versuch im März verlor Martin beim abklettern über den Hochjochgrat ein Steigeisen, wir hatten das Glück, dass kurz danach eine Rinne zum Gletscher runter ging und der Schnee weich genug war um mit nur einem Steigeisen abzusteigen. Anschließend mussten wir den ewig langen Gletscher bis zur Skipiste raus im tiefen aufgeweichten Schnee hinter uns bringen, nichts desto trotz hatten wir eine schöne Tour.
So ging es eben wieder nach Sulden und um vier Uhr starteten wir vom Auto wieder Richtung Nordostwand. Die Schückrinne war der ideale Anstieg im Winter ohne Ski, da man über die Skipiste bis 300 Höhenmeter unterhalb des Einstiegs einfach rauf gehen kann ohne zu versinken. 
Alles lief perfekt, zwar war der Ausstieg über die Nordwand über die man die letzten Meter zurück legen muss blank, aber das bremste uns nicht wirklich. Lediglich die letzten 100 Höhenmeter zum Gipfel waren eine Wühlerei, um halb 8 erreichten wir dennoch zufrieden den Gipfel. Nach einer kurzen Rast gingen wir sofort weiter in Richtung Hochjochgrat. Es lag zwar viel Schnee, jedoch wussten wir schon wo die Abseilstellen waren. Der Grat ist recht abwechslungreich, abklettern, abseilen und das ganze ein paar mal wiederholen bis wir 150 Meter oberhalb des Cantu Biwaks leichteres Gelände erreichten. Dort glich der Grat eher einem Rücken, es war nicht mehr exponiert, man konnte einfach nebeneinander runter spazieren. Leider war der Schnee aber recht tief; im Bruchharsch sanken wir bei jedem Schritt bis zu unseren Knien ein, richtig mühsam. 
Plötzlich machte es ein dumpfes Geräusch...
 
und der Schnee auf dem wir standen brach unter uns in die 500 Meter hohe Südostwand ab. Martin schaffte den Sprung in die Sicherheit, ich erreichte lediglich die Kante und konnte mich gerade noch mit meinen Händen im Schnee festhalten, die Füße hingen im Freien. Martin half mir sofort wieder herauf. Eine 10 Meter hohe Wechte war 5-6 Meter, und auf eine Länge von 25 Metern in unseren Hang herein abgerissen. Ich machte ein Foto vom Abbruch und wir gingen beide wortlos zum Cantu Biwak wo wir eine Pause machten.
Es war erst halb 10, wir waren sehr gut in der Zeit und beide noch recht fit, kamen jedoch zu dem Entschluss besser abzusteigen. Wir hatten beide viel Glück (im Unglück).
Wir stiegen durch eine Rinne vom Biwak ab und wie vier Wochen zuvor, wanderten wir wieder den Gletscher zur Skipiste raus.

Ursprünglich wollte ich die Tour dieses mal alleine klettern, nach dem tragischen Ereignis in Kanada, machte ich mir aber schon meine Gedanken. Es passierte in letzter Zeit einfach zu viel, nicht die alltäglichen Meldungen wie Lawine oder ein Wanderer abgestürzt, viele Spitzenalpinisten verloren in den letzten 2 Jahren ihr Leben in den Bergen. Meistens weiß man die Ursache warum etwas passiert ist, aber das waren die Besten der Besten, auch sie haben einen Fehler gemacht oder einfach nur Pech gehabt, warum soll das mir nicht auch einmal passieren? Deshalb war ich dann ziemlich froh, dass Martin dann doch Zeit hatte. Es ist einfach viel entspannter, wenn man weiß, man kann sich über eine Stelle Sichern und vor allem man ist zu Zweit wenn es gilt, eine Entscheidung zu treffen.
Wir analysierten beide den Wechtenbruch, im Grunde haben wir nicht wirklich etwas falsch gemacht, wir gingen doch immer mindestens vier bis fünf Meter innerhalb des Hanges? Doch im Endeffekt macht ja nicht der Berg einen Fehler, er ist nicht grausam und will uns abwerfen. Wir haben das Gelände falsch gelesen. Auch wenn es noch so schwierig zu erkennen war, dort wo wir gegangen sind, hätten wir nicht gehen dürfen.
Die meisten werden jetzt sagen, es ist einfach (zu) gefährlich, warum macht man so etwas überhaupt, man kann nicht alles erkennen, wo eine Gefahrenstelle ist usw...
Aber Bergsteigen ist in uns so tief verankert, wenn wir es nicht mehr tun, wären wir einfach unzufriedene Menschen, denen etwas im Leben fehlt. Ja, es ist riskant, manchmal ist es auch gefährlich, aber es ist unsere alleinige Entscheidung, für die wir die volle Verantwortung übernehmen. Für uns gibt es nichts vergleichbares, es ist unser eigener Weg, das sind wir.
Im Nachhinein und mit etwas Abstand, betrachte ich dieses Ereignis als "Glück", es ist uns nichts passiert und es mahnt uns eindringlich vorsichtiger zu sein, einen Hang, eine Wächte oder die Eissäule lieber zweimal zu begutachten bevor man einfach darauf los klettert. Man lernt eben (meistens) nur aus Fehlern und Gott sei Dank, nicht jeder Fehler endet mit einer Tragödie.